«Wohlstand der Schweizer wächst»

«In der Schweiz lebt man europaweit am längsten»

«Die Schweiz bleibt bei der Innovation an der Spitze»

Das sind drei Schlagzeilen, die ich kürzlich gelesen habe. Und tatsächlich: Im weltweiten Vergleich geht es uns gut, ja sogar sehr gut. Wir haben einen hohen Lebensstandard, eine hohe Sicherheit, eine tiefe Arbeitslosigkeit, eine ausgezeichnete medizinische Versorgung, Bildung für alle, eine gute Infrastruktur.

Wenn wir den Blick etwas öffnen und schauen, was weltweit Schlagzeilen macht, dann sehen wir, dass es aber nicht überall so gut geht.

Gemäss Angaben der UNO sind weltweit über 70 Millionen Menschen auf der Flucht, die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Das sind so viele wie seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr.

Zwischen den USA, Europa und China findet plötzlich wieder ein wirtschaftlicher Handelskrieg statt. Etwas, das als eigentlich längst überwunden gegolten hat.

Der Klimawandel lässt die Gletscher schmelzen, den Meeresspiegel steigen und führt dazu, dass es in gewissen Gegenden bald so heiss und so trocken sein wird, dass sie unbewohnbar werden und die Menschen vor Ort zu Klimaflüchtlingen werden. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres bezeichnet den Kampf gegen die Klima-Erwärmung darum als grösste aktuelle Aufgabe für die Menschheit.

In all dem erscheint die Schweiz wie eine Insel der Glückseligen.

Ich habe mich gefragt, was diese Insel der Glückseligen auszeichnet. Ich glaube, dass es vor allem auch Werte sind.

Zu diesen Werten zählen die direkte Demokratie, der Föderalismus, der Rechtsstaat, der Sozialstaat, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, ein respektvoller Umgang mit Minderheiten, eine freie und offene Gesellschaft und eine funktionierende Wirtschaft nach dem Grundsatz der sozialen Marktwirtschaft.

Wir haben keine natürlichen Grenzen, die die Schweiz zusammenhalten, wir haben keine gemeinsame eigene Sprache, die uns vereint, wir haben – zum Glück – auch keinen König und keine Queen, die uns zusammenführen.

Was wir haben, ist der gemeinsame Wille, uns zu diesen Werten zu bekennen und gemeinsam in einem Staat zu leben. Das macht die sogenannte Willensnation Schweiz aus.

Aus dem Fussball kennen wir den Spruch: Wir alle sind das Team. In Bezug auf unseren Staat können wir sagen: Wir alle sind der Staat. Vertrauen in den Staat ist bei uns letztlich also auch Vertrauen in uns selber.

Auf dem T-Shirt eines jungen Mannes habe ich vor einiger Zeit gelesen. Mein Motto ist: Me, myself and I. Oder frei auf Deutsch übersetzt: Ich, ich und nochmals ich.

Eine solche egoistische Grundhaltung ist bezogen auf unseren Staat Gift. Die Schweiz funktioniert nur als ein Miteinander und nicht als ein Gegeneinander. Unsere Kultur und unsere Institutionen sind auf Zusammenarbeit und Kompromissfähigkeit ausgerichtet.

Wer ständig daran herumrüttelt, Stimmungen schürt, Polarisierung und Ideologisierung betreibt, hölt langfristig das Fundament der Schweiz aus und stellt damit den Wohlstand, die Stabilität und den sozialen Zusammenhalt in Frage. Das gilt für die Kräfte ganz rechts und ganz links gleichermassen.

Was wir hochhalten müssen, sind Eigenschaften wie Sachlichkeit, Pragmatismus, Beständigkeit und Offenheit. Wir müssen auch immer wieder neu für unsere Wertordnung, die Demokratie, den Rechtsstaat und die liberale Gesellschaft einstehen. Sie sind keine Selbstläufer und kein Automatismus.

Toleranz zum Beispiel ist eine wichtige Eigenschaft einer liberalen Gesellschaft. Gleichzeitig gibt es aber auch falsch verstandene Toleranz, nämlich da wo Intoleranz toleriert wird, egal ob dies politisch, religiös oder kulturell ist. Da müssen wir klare Kante zeigen: Keine Toleranz der Intoleranz.

Dabei ist jede und jeder auch ganz persönlich gefordert. Alle diese Werte und Prinzipien funktionieren langfristig nur, wenn auch unsere Kinder sie weitertragen und wenn auch neu eingebürgerte oder neu integrierte Personen sie mittragen.

Die Geschichte der Schweiz ist eine Erfolgsgeschichte. Das ist auch unser Verdienst, aber nicht nur.

Anderen Staaten in Europa ist es nicht so gut ergangen wie uns. Wenn wir heute also von der Erfolgsgeschichte Schweiz sprechen, dann sollten wir nicht vergessen, dass die Geschichte auch hätte anders kommen können und dass manchmal Glück und Unglück, Erfolg und Misserfolg nahe beieinander liegen und es wenig braucht, dass es so oder anders herauskommt.

Unsere europäischen Nachbar- und Partnerstaaten haben die beiden Weltkriege nicht gleich unbeschadet überstanden wie die Schweiz. Gerade kleinere Staaten wie Belgien, Holland, Dänemark oder auch die baltischen Staaten sind ohne eigenes Verschulden mehrfach schwer in Mitleidenschaft gezogen worden.

Wenn wir heute über Europa und insbesondere die EU sprechen, dann hat das meist einen kritischen Unterton. Unser Verhältnis zu Europa ist zwiespältig. Das Verhältnis zu Europa ist bis heute eines der emotionalsten und konfliktreichsten Themen in der Schweiz.

Wir müssen nicht alle und alles aus Brüssel toll finden. Eines müssen wir Schweizerinnen und Schweizer der EU aber zugestehen: Sie hat dafür gesorgt, dass es in Europa seit 1945 keine Kriege mehr gegeben hat und dass Europa zum sichersten und wohlhabendsten Teil der Welt geworden ist. Davon hat auch die Schweiz profitiert und profitiert immer noch davon.

Mir selber ist dies bewusst geworden, als ich während meines Studiums an einem Austauschprogramm teilgenommen habe und mir dort junge Deutsche, Franzosen, Belgier und Holländer erzählt haben, dass ihre Grosseltern noch gegeneinander gekämpft haben und sich teilweise gehasst haben, sie nun aber zwei Generationen später miteinander arbeiten, in den Ausgang gehen und sich bestens verstehen.

Und auch vor zwei Wochen, als wir mit unseren Kindern in der Toskana in den Ferien waren, haben dort Kinder aus der Schweiz, aus Holland, aus Frankreich und aus Deutschland miteinander gespielt, obwohl sie sich teilweise sprachlich gar nicht verstanden haben. Das ist Europa im Sommer 2019. Das wäre vor 75 Jahren noch undenkbar gewesen.

Von daher wünsche ich mir, dass wir ein unverkrampftes Verhältnis zu Europa pflegen und die EU und unsere Nachbarstaaten nicht als Gegner, sondern als Partner sehen.

So wie wir auf unsere eigene Geschichte stolz sind, müssen wir auch der Geschichte der anderen mit Respekt und Verständnis begegnen.

Wenn Europa international Gewicht haben will und seine Interessen und Errungenschaften wirkungsvoll vertreten will, dann geht dies nur gemeinsam und nicht im Alleingang.

Unsere eigene Geschichte zeigt uns: Die Geschichte passiert nicht einfach so, sie wird von Menschen gemacht und bestimmt. Und wer selber nicht mitbestimmt, über den wird bestimmt.

Wir haben das Privileg, in Freiheit zu leben. Wir wissen aber auch, dass es absolute Freiheit nicht gibt. Wir sind zwar vielleicht im weltweiten Vergleich tatsächlich eine Insel der Glückseligen. Aber wir sind keine Insel, die einfach für sich alleine existiert.

Wir sind Teil eines grossen Ganzen: Einer Welt mit Chancen und Risiken, Positivem und Negativem. Migration, Handelskriege und der Klimawandel machen an unseren Grenzen nicht Halt. Sie können nur gemeinsam gelöst werden. Freiheit bedeutet insofern immer auch Verantwortung: Für uns selber und für andere.

Joachim Gauck, der frühere deutsche Bundespräsident hat einmal gesagt, dass die grosse Herausforderung darin besteht, die Freiheit in der Freiheit zu gestalten.

In diesem Sinn freue ich mich, wenn Sie und wir alle Mitgestalterinnen und Mitgestalter sind.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen schönen 1. August.


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