Liebe Dällikerinnen und Dälliker, Liebe Gäste

Ich freue mich sehr, am heutigen Abend bei Ihnen zu sein und ich bedanke mich für die Einladung.

Als ich kürzlich mit einer Frau aus Syrien gesprochen habe, hat sie mir gesagt: Ihr lebt in der Schweiz wie im Paradies. Das sieht man auch am 1. August: Ihr schmückt eure Häuser, zieht die Fahnen hoch, hängt Lampions und feiert eine richtige Geburtstagsparty. Ihr habt es auch gut: Ihr habt eine erstklassige Gesundheitsversorgung, ein hochstehendes Bildungswesen, ein ausgebautes Sozialsystem, eine funktionierende öffentliche Infrastruktur. Dazu seid ihr eine der ältesten Demokratien der Welt, habt einen Rechtsstaat und habt es geschafft, dass verschiedene Landesteile mit unterschiedlichen Sprachen friedlich zusammenleben. Bei euch können sich alle frei und sicher fühlen. Davon können andere nur träumen. Und dann hat sie die entscheidende Frage gestellt: Was ist eigentlich euer Erfolgsrezept? Warum funktioniert das bei euch – und bei vielen anderen nicht?

Ja, geschätzte Anwesende, was ist unser Erfolgsrezept?

Ich habe mir dazu auch einige Überlegungen gemacht und bin zum Schluss gekommen, dass unser Staatsmodell unser Erfolgsrezept ist. Das mag auf den ersten Blick fast langweilig klingen, auf den zweiten Blick ist es aber eine hochspannende Erkenntnis.

Die Schweiz besteht nicht, weil sie bestehen muss. Wir haben keine natürliche geographische Grenzen, wir sind keine Insel, wir haben auch keine einheitliche Sprache oder Kultur, die alle zusammenhält und wir haben auch keinen Herrscher oder König, der alles eint. Was wir aber haben, ist der Wille, gemeinsam in diesem Staat zu leben. Und wir haben auch eine gemeinsame Vorstellung davon, wie dies geschehen soll, welche Werte und welche Ordnung gelten sollen. Der Staat ist in der Schweiz nicht irgendein anonymer Moloch oder eine riesiger Bürokratieapparat, der einfach über die Bürger bestimmt, sondern wir alle bestimmen dank direkter Demokratie und Milizsystem mit, wie der Staat aussehen und funktionieren soll. Unser Erfolgsrezept lautet also: Wir alle sind der Staat. Vertrauen in den Staat ist bei uns letztlich immer auch Vertrauen in uns selber.

Selbstverständlich ist dieses Erfolgsrezept aber nicht. Es hat sich über lange Zeit entwickelt und auch heute muss immer wieder von uns dafür eingestanden werden. Wenn man Geburtstag feiert, dann schaut man häufig auch zurück in die Vergangenheit des Geburtstagskindes. In diesem Jahr ist dies fast schon ein Muss. Das Jahr 2015 ist das Jahr der grossen Jubiläen. 700 Jahre Morgarten, 500 Jahre Marignano, 200 Jahre Wiener Kongress. Hand aufs Herz: Wissen Sie, für welche Ereignisse diese Jubiläum stehen und was genau ihre Bedeutung ist?

Am Morgarten haben die alten Eidgenossen den ersten Sieg gegen die damalige Grossmacht der Habsburger erzielt. Das hat die Einheit gestärkt und Selbstvertrauen gegeben. In der Schlacht von Marignano haben die Eidgenossen im Streit um das Herzogtum Mailand gegen die Franzosen verloren. Die Folge davon war, dass sie ihre Expansions- und Eroberungsgelüste aufgegeben haben und sich auf sich selber konzentriert haben. Am Wiener Kongress sind nach der französischen Revolution und nach der Niederlage von Napoleon verschiedene wichtige Staatsgrenzen in Europa neu festgelegt worden. Im Fall der Schweiz wurde auch ihre Neutralität als immerwährende bewaffnete Neutralität anerkannt worden. Alle diese Ereignisse haben zweifellos einen grossen Einfluss auf die Geschichte der Schweiz gehabt. Und trotzdem, bei allem Respekt: In meinen Augen gibt es dieses Jahr jedoch ein Jubiläum, welches für die moderne Schweiz weitaus prägender ist: Es ist das Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren.

1945 sind grosse Teile von Europa in Schutt und Asche gelegen. Die Schweiz hat sich aus diesem Krieg – wie auch schon aus dem 1. Weltkrieg – heraushalten können. Das hat – wie wir heute wissen – mit verschiedenen Ursachen zu tun: Mit einer geschickten Politik, mit der Neutralität, mit Wehrwillen, aber ebenso mit wirtschaftlichen Gründen und auch mit einer Portion Glück. Anderen Staaten in Europa ist es nicht so gut ergangen wie uns.

Wenn wir heute also vom Erfolgsrezept und vom Erfolgsmodell Schweiz sprechen, dann dürfen wir nicht vergessen, dass die Geschichte auch hätte anders kommen können und dass es manchmal nicht allzu viel braucht und auch das ganz persönliche Leben sieht komplett anders aus. Mir ist das bewusst geworden, als ich vor einigen Wochen auf dem Weg an eine Sitzung in einem Altersheim hier im Zürcher Unterland zufällig ins Gespräch mit einem alten Herrn gekommen bin, der dort wohnt. Er hat mir erzählt, dass er ursprünglich aus Polen stammt, seine Familie im 2. Weltkrieg von den Nazis jedoch vertrieben und inhaftiert worden sei. Zahlreiche Verwandte seien im Konzentrationslager umgebracht worden, er selber habe überlebt und sei am Kriegsende von den Alliierten Truppen befreit worden. Später sei er dann in die Schweiz gekommen. Er sei dankbar, dass er hier ein neuen Leben habe beginnen können. Es sei aber auch so, dass er die Geschichte seiner Familie nicht vergessen könne und manchmal auch nach so vielen Jahren noch Trauer und Wut aufkomme, dass so etwas geschehen konnte.

Wenn wir heute über Europa und insbesondere die EU sprechen, dann hat das meist einen kritischen Unterton. Unser Verhältnis zu Europa ist zwiespältig. Und ja, auch ich finde nicht alle und alles aus Brüssel gut. Eines müssen aber wir Schweizerinnen und Schweizer dem europäischen Einigungsprozess aber zugute halten: Er hat dafür gesorgt, dass es in Europa seit 1945 keine Kriege mehr gegeben hat und dass Europa zum sichersten und wohlhabendsten Teil der Welt geworden ist. Das, was dieser alte Mann erlebt hat, gibt es heute in Europa nicht mehr. Das ist eine grosse Leistung und auch keine Selbstverständlichkeit. Davon hat auch die Schweiz profitiert. Dass wir ein Erfolgsmodell geworden sind, hat auch mit der Entwicklung um uns herum zu tun. Von daher wünsche ich mir, dass wir ein unverkrampftes Verhältnis zu Europa zu pflegen und die EU und unsere Nachbarstaaten nicht als Gegner, sondern als Partner zu sehen. Wir müssen deswegen der EU nicht beitreten, aber wir müssen mit ihr gut zusammenarbeiten. Und so wie wir auf unsere Geschichte Stolz sind, müssen wir auch der Geschichte der anderen mit Respekt und Verständnis begegnen.

Respekt und Verständnis braucht es auch, wenn wir sehen, wieviele Menschen zurzeit leider nicht in einem Land mit einem Erfolgsmodell in Freiheit und Sicherheit leben können. Gemäss Angaben der UNO sind jetzt im Sommer 2015 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Das ist die höchste Zahl seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Als eines der wohlhabendsten Länder ist die Schweiz für viele von ihnen ein begehrtes Zielland. Können wir ihnen das verübeln? Wenn wir in Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Eritrea leben würden, würden wir vermutlich auch vieles daran setzen, an einen besseren Ort flüchten zu können.

Ich bin kein Sozialromantiker und deshalb ist für mich klar: Wir können nicht unbegrenzt Personen aufnehmen. Wir können die Flüchtlingsthematik auch nicht alleine lösen. Ebenso klar ist für mich aber auch: Wir können die Augen nicht verschliessen vor dem, was um uns herum geschieht. Wir müssen unseren Beitrag leisten und Verantwortung übernehmen. Dazu gehören faire und effiziente Asylverfahren, die Aufnahme von an Leib und Leben Gefährdeten, eine gute Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Kantonen und Bund und auch eine aktive Unterstützung der internationalen Bemühungen, die Situation in den Ländern vor Ort zu stabilisieren, damit gar nicht erst so viele Menschen flüchten müssen. Und was für mich auch klar ist: Es braucht keine Stimmungsmache, wie das teilweise im In- und Ausland der Fall ist. Weder gegen Europa, noch gegen Flüchtlinge. Es braucht auch keine radikalen oder extremen Kräfte und Strömungen, weder von links noch von rechts, weder von innen noch von aussen, weder religiös noch ideologisch. Was wir brauchen, sind gutschweizerische Eigenschaften wie Sachlichkeit, Pragmatismus, Beständigkeit und Offenheit.

Unser Erfolgsrezept zeigt uns: Die Geschichte passiert nicht einfach so, sie wird von Menschen gemacht und bestimmt. Und wer selber nicht mitbestimmt, über den wird bestimmt. Willy Brandt hat einmal gesagt: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“

In diesem Sinn freue ich mich, wenn Sie alle Mitgestalterinnen und Mitgestalter sind – da bei uns daheim, aber auch in der Welt draussen.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen schönen Abend.


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