„Was habt ihr Sozis eigentlich gegen das Sparen? Wir bringen doch bereits den Kindern bei, dass das wichtig ist.“ Dies schleuderte mir an einer Veranstaltung ein älterer Herr entgegen, nachdem sich vorgängig einige Sozi-Gschpänli kritisch über Sparbemühungen im Kanton geäussert hatten. Da ist mir wieder einmal bewusst geworden: Der Begriff „sparen“ ist bei einem grossen Teil der Bevölkerung positiv besetzt. Spare in der Zeit, so hast du in der Not: Dieser Spruch ist bei vielen Personen, insbesondere den älteren Generationen, nach wie vor tief verankert – und wird mit einer Haltung verbunden, die als sachlich und moralisch richtig empfunden wird. Auch das Sparkonto auf der Bank ist für die meisten nichts Schlechtes. Und das Sparsäuli der Kids soll auch einen pädagogisch wertvollen Beitrag leisten.

Ähnlich ist es mit dem Begriff „bürgerlich“. Er wird häufig verwendet in der Politsprache. Aber was ist damit genau gemeint? Mal wird er positiv dargestellt (von den Bürgerlichen selbst), mal negativ (von den Linken). Verstehen die Frau und der Mann auf der Strasse wirklich, wer was wie meint? Ist der Begriff überhaupt noch zeitgemäss? Auch da haben mich Zweifel beschlichen. Und so habe ich kürzlich beim Diskutieren mit Berufsschülerinnen und Berufsschülern einen Test gemacht: Was verstehen sie unter „bürgerlich“? Das Resultat war interessant – und ernüchternd: Jemand meinte, das seien die Rechten. Eine andere Stimme vermutete, das seien die Reichen. Eine andere Vorstellung war, dass damit alle Bürgerinnen und Bürger eines Landes gemeint seien. Und zu guter Letzt stellte ein findiger junger Mann fest: Damit seien im Restaurant Schweizer Gerichte gemeint – gutbürgerliches Essen lässt grüssen.

Als Politik-Engagierte sollten wir so reden, dass die Leute verstehen was wir meinen. Eine Wirkung können wir nur erzielen, wenn die Leute das Gleiche wie wir verstehen. Dazu ist die Wortwahl wichtig. Wenn wir von „bürgerlicher Sparpolitik“ sprechen, dann versteht wohl ein grösserer Teil der Bevölkerung nicht wirklich, was wir genau meinen; siehe oben. Statt von „sparen“ und „Sparprogrammen“ sollten wir von „abbauen“ und „Abbauprogrammen“ reden; das meinen wir nämlich auch. Und statt von „bürgerlich“ und den „Bürgerlichen“ sollten wir vielmehr von denjenigen sprechen, die damit gemeint sind: SVP, FDP, CVP (wahlweise kommen noch weitere dazu). Da müssen wir uns alle an der Nase nehmen. Ich mich auch.

Kolumne im P.S., September 2014


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