Es wäre hilfreich, wenn mehr miteinander statt übereinander geredet würde. Dieser Gedanke geht mir in letzter Zeit häufig durch den Kopf – sei es als Sicherheits- und Sozialvorstand meiner Wohngemeinde, sei es als Parteipräsident oder sei es als Bürger. Beispiele dazu gibt es zuhauf. 

Was wird zurzeit alles – vor allem von rechter Seite – über Flüchtlinge und die Asylpolitik erzählt und behauptet! Aber hat je einer tatsächlich mit Flüchtlingen gesprochen? Ihre Lebensgeschichte angehört? Sich ein persönliches Bild verschafft und eine eigene Meinung gebildet? Eben... Fakt ist doch, dass aktuell gemäss Angaben des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind – die Hälfte davon Kinder. Statt Polemik und Stimmungsmache sind Respekt, Verständnis sowie verantwortungsvolles und grosszügiges Handeln gefragt. Auch vom Kanton Zürich und der Schweiz.

Was wird alles über Europa und die EU gelästert und geklagt! Aber hat je einer der Kritiker mit Politikern und Behördenmitgliedern aus den Nachbarländern gesprochen und versucht, die europäische Perspektive und Wahrnehmung zu verstehen? Eben... Fakt ist doch, dass unser Kontinent dank dem europäischen Integrationsprozess seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die längste Friedensphase in seiner Geschichte erlebt – und die EU-Staaten gemeinsam am Konferenztisch über die Griechenlandrettung oder den Umgang mit der Flüchtlingstragödie verhandeln und nicht auf dem Schlachtfeld gegeneinander kämpfen. Davon profitierte und profitiert auch die Schweiz.

Auch bei ganz Alltäglichem zeigt sich das Phänomen: Kürzlich hat sich eine Person aus einem Quartier in der Gemeinde offiziell über die Nachbarin beschwert. Sie höre zu laut Musik. Auf die Frage, ob sie denn schon persönlich mit ihr gesprochen und eine Rückmeldung gegeben habe, kam die Antwort: Sicher nicht, ich rede doch nicht mit der, dafür sind die Gemeindeverwaltung und die Polizei da. Eben...

Statt das direkte Gespräch zu suchen, die Fakten anzuschauen und eine konstruktive Lösung zu suchen, wird über die „anderen“ geredet, werden Feind- und Zerrbilder gepflegt, werden Fakten ignoriert. In der Politik kommt dies nicht selten vor: Was wird alles über die SP, die Linken erzählt! Und seien wir ehrlich: Wir sind manchmal auch nicht besser. Ich habe mich auch schon dabei ertappt. Was haben wir für ein Bild von der politischen Konkurrenz! Was für eines vom Banker nebenan! Oder sogar vom Parteigschpänli! Klischees, Feind- und Zerrbilder enthalten immer einen Kern Wahrheit. Ein Kern ist aber immer nur ein Teil und nie ein Ganzes. Um das Ganze – nämlich die Realität – wahrzunehmen, braucht es mehr: Das persönliche Gespräch und die persönliche Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Dann klärt sich vieles auf, das eine und andere relativiert sich und es entstehen Möglichkeiten zur Lösungsfindung. Ich wünsche allen gute Gespräche!

Kolumne im P.S., September 2015

 


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