„Takt besteht darin, dass man weiss, wie weit man zu weit gehen darf.“ Dieser Ausspruch von Jean Cocteau ist mir eingefallen, als ich gesehen habe, was der SVP-Nationalrat und Schreinermeister aus Affoltern am Albis zu Schwulen und Lesben und allen anderen, die nicht so leben, wie er es für richtig findet, zum Besten gegeben hat („Verkehrt laufender Hirnlappen“) – und was der Juso-Präsident daraufhin verlauten liess („A-Loch“). Ich finde beides daneben und eben: taktlos. Ersteres wegen des Inhalts und Letzteres wegen des Stils.

Nicht der Rede wert, könnte man jetzt meinen. Ja, wenn nicht zwei Dinge daran bedenkenswert wären: Genau solche Aussagen schaffen es in die redaktionellen Teile der Zeitungen und Online-Portale und sind Totengräber der politischen Kultur. Dabei bedingt das eine das andere: Weil solche Aussagen prominent aufgenommen werden, werden sie überhaupt erst bekannt, lösen öffentliches Kopfschütteln aus und stossen etliche ab. Das ist für die Glaubwürdigkeit der Politik und der Parteien schädlich, geht es bei solchen Aussagen im Kern doch weniger um inhaltliche Botschaften, als vielmehr um Selbstvermarktung und den Versuch, Aufmerksamkeit zu erhalten. Erhaltene Schlagzeilen werden dann mit erfolgreicher Politik verwechselt. Ins gleiche Kapitel gehören die ständigen Rücktrittsforderungen und persönlichen Angriffe, wenn irgendwo etwas nicht auf der eigenen politischen Linie liegt oder ein Fehler geschieht.

Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, hält die ganz grosse Mehrheit der Bevölkerung – inklusive der linken Wählerschaft – nichts von solchen Ausfälligkeiten. Sie erwartet vielmehr eine besonnene, konstruktive und differenzierte Art des Politisierens. Sie hält auch nichts von Dogmen und Populismus – egal ob von rechts oder links. Sie sieht Probleme und hat Anliegen – und erwartet, dass die Politikerinnen und Politiker sich diesen annehmen und Lösung suchen und finden. Und selbst wenn es altmodisch klingen mag: Die grosse Mehrheit wünscht sich auch in der Politik Anstand.

Aus der Gemeindepolitik kenne ich den Grundsatz: Man sollte immer so miteinander umgehen, dass man anschliessend noch ein gemeinsames Bier trinken gehen kann. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass man zusammenarbeiten muss, da niemand über eine eigene Mehrheit verfügt und man immer wieder gegenseitig aufeinander angewiesen ist. Dieses Bewusstsein schliesst „Polit-Fights“ und pointiertes Auftreten keineswegs aus, sorgt aber dafür, dass vor dem reden (oder schreiben) etwas mehr nachgedacht wird. Prost!

Kolumne im P.S., Juni 2014


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