Die Institutionen für Menschen mit Behinderung sind derzeit stark gefordert: In agogischer, in personeller, in kommunikativer und in wirtschaftlicher Hinsicht.

Es handelt sich dabei im Kanton Zürich um über 90 kleinere, mittelgrosse und grosse Institutionen, die zusammen rund 11'000 Plätze für Menschen mit Behinderung anbieten.

Die Herausforderungen zeigen sich wie folgt:

In agogischer Hinsicht: Viele Personen sind auf eine intensive Betreuung angewiesen. Ihre Mobilität ist eingeschränkt. Viele gehören zu den Risikogruppen. Persönliche Beziehungen, feste Bezugspersonen, stabile Tagesstrukturen und wiederkehrende Rituale sind für sie sehr wichtig. Ebenso gibt es umgekehrt Personen mit starkem Bewegungsdrang, die nur noch eingeschränkte Möglichkeiten haben. Eine Situation, in der vieles rasch und grundsätzlich verändert werden muss, stellt einen grossen Einschnitt dar und kann belastend und verunsichernd wirken. Gerade bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist häufig erst nach einer bestimmten Zeit ersichtlich, welche Auswirkungen die Veränderungen auf sie haben. Umso wichtiger ist es für die Institutionen, unverändert nahe bei ihren Klientinnen und Klienten zu sein – sei dies physisch vor Ort oder sei dies durch gezielte Kontaktaufnahmen bei Personen, die selbständig wohnen.

In personeller Hinsicht: Die Arbeit in den Institutionen ist sehr personalintensiv. Ohne Personal geht nichts. Auch ist es schwierig, mit sehr viel weniger Personal über die Runden zu kommen. Dem Schutz des Personals kommt eine hohe Bedeutung zu. Natürlich hat es derzeit auch Mitarbeitende, die weniger belastet sind oder Home Office machen können, im pflegerischen Bereich hingegen ist die Belastung hingegen hoch und es sind keine anderen Arbeitsformen als die Arbeit vor Ort möglich – häufig im engen und direkten Kontakt mit den Klientinnen und Klienten. Dabei werden alle notwendigen Schutzmassnahmen umgesetzt. Nebst den organisatorischen und pflegerischen Aspekten müssen die Mitarbeitenden in der aktuellen Situation jedoch auch gut informiert, instruiert, begleitet und unterstützt werden. Dies ist eine wichtige Führungsaufgabe, die von den Leitungen Präsenz, gute Vorbereitung und Fingerspitzengefühl erfordert.  

In kommunikativer Hinsicht: Die gegenwärtige Situation ist für alle neu. Es gibt keine vergleichbare Erfahrung, auch wenn in Institutionen natürlich auch andere gefährliche Virusarten wie beispielsweise das Norovirus oder Grippeviren durchaus bekannt sind und die Institutionen über Pandemiekonzepte verfügen und über die notwendigen Strukturen wie Quarantänebereiche oder Isolierzimmer verfügen. Es gilt, den Menschen mit Behinderung die Situation verständlich zu machen, was je nach Behinderungsart problemlos oder eben nur schwer bis gar nicht möglich ist. Daneben gilt es auch, die Angehörigen sowie Beiständinnen und Beistände miteinzubeziehen. Damit dies gelingt, braucht es eine klare, verständliche und aber auch empathische Kommunikation. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es nun auch gilt, Regeln und Verhaltensänderungen durchzusetzen, die nicht gemeinsam erarbeitet und diskutiert werden können, sondern die nun einfach gelten.

So ist es beispielweise Eltern derzeit nicht möglich, ihre Kinder über das Wochenende oder über die Ostertage nach Hause mitzunehmen und es anschliessend wieder in die Institutionen zu bringen. Wenn Eltern ihre Kinder derzeit nach Hause nehmen, dann müssen sie sie dort bis zum Ende des Lockdowns betreuen. Ebenso gilt ein umfassendes Besuchsverbot, welches natürlich für viele betroffene Personen gleich wie in den Alters- oder Pflegeheimen oder Spitälern sehr hart ist. Wenn Personen sterben, sind keine üblichen Beerdigungen möglich; auch das sind schmerzhafte Einschnitte, die es zu vermitteln und aufzufangen gilt.

In wirtschaftlicher Hinsicht: Die momentane Situation führt dazu, dass Institutionen Betriebe wie beispielsweise Restaurants, Schreinereien, Gärtnereien, Verkaufsläden, aber auch Schulen oder teilweise auch Werkstätten schliessen mussten. Sei es, weil es weniger Aufträge gibt, sei es, weil der Betrieb aufgrund der bundesrätlichen Notstandsverordnung eingestellt werden musste, oder sei es, weil Mitarbeitende ausfallen.

Eine Leitungsperson einer Institution hat berichtet, dass von 160 Arbeitsplätzen in der Werkstatt von einem auf den anderen Tag nur noch 60 besetzt waren. Dies alles führt zu Ertragseinbrüchen. Gleichzeitig kommen finanzielle Mehraufwendungen durch die notwendig gewordenen organisatorischen, infrastrukturellen und personellen Massnahmen auf die Institutionen zu. Je nach Dauer und Ausmass der Situation kann dies bei Institutionen zu Liquiditätsengpässen oder Defiziten führen.

Da die Institutionen zwar privatrechtlich – meist als Stiftungen, manchmal auch als Vereine – organisiert sind, jedoch aufgrund ihres Leistungsauftrags und ihrer stark von öffentlichen Geldern geprägten Finanzierung nicht mit privatwirtschaftlichen Unternehmen vergleichbar sind, stellt sich die Frage, wie Engpässe oder Defizite gedeckt werden können. Diesbezüglich ist die Absichtserklärung der kantonalen Sicherheitsdirektion sehr wichtig und beruhigend, dass der Kanton mit verschiedenen Instrumenten Hand bietet, diese Verluste aufzufangen oder abzufedern.

Es ist offensichtlich: Die gegenwärtige Situation ist extrem herausfordernd. Die Institutionen gehen sie aber mit Pragmatismus, Flexibilität und Souveränität an. Viele Institutionen sagen, dass sie anfänglich einen Moment Zeit benötigten, um sich zu organisieren und sich auch mental auf die Krisensituation einzustellen, dass sie nun aber in einem Modus angelangt sind, der gut funktioniert und in dem sie ihre Aufgaben wahrnehmen können. Es gibt im Alltag ständig eine Reihe von organisatorischen, arbeitsrechtlichen, finanziellen und auch ethischen Fragen zu klären – beispielsweise ist die Beschaffung von ausreichend Schutzmaterial – für viele Institutionen ein Thema, es ist aber auch so, dass die Institutionen gut vorbereitet sind auf die verschiedenen denkbaren Szenarien. Bestätigte Coronavirus-Erkrankungen sind bisher nur bei verhältnismässig wenigen Institutionen vorhanden und es bleibt zu hoffen, dass dies so bleibt. Ich möchte an dieser Stelle allen Mitarbeitenden herzlich für ihre Arbeit danken.

Persönlich besonders beeindruckend finde ich, dass bei den allermeisten Institutionen nicht finanzielle, wirtschaftliche oder formale Fragen im Vordergrund stehen, sondern die Erfüllung des Grundauftrags: Nämlich für die Menschen, die bei ihnen wohnen, arbeiten oder sich ausbilden lassen, da zu sein.

Dass dies möglich ist, ist auch der guten Zusammenarbeit mit dem Kanton Zürich, namentlich dem Kantonalen Sozialamt, zu verdanken. Für die schnelle Reaktionsfähigkeit, die klare und verbindliche Kommunikation und die lösungsorientierte Haltung möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken.


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