„Wenn jeder für sich selbst schaut, ist für alle geschaut. Aufgabe der Politik wäre es doch, den Menschen möglichst viel Freiheit zu geben, dann kann jeder so leben wie er will.“ Diese Aussage im Rahmen einer Diskussion hat mich zum Nachdenken gebracht. Gewiss: Das Streben nach Selbstbestimmung ist eine der menschlichen Triebfedern. Sie kommt immer und überall vor, in Nationen und Volksgruppen genauso wie bei Einzelpersonen oder in unserer modernen und liberalen Gesellschaft als Ganzes. Wenn sich der Dalai Lama für die Unabhängigkeit von Tibet einsetzt, wenn die ungarische Regierung keine Flüchtlinge aufnehmen will, wenn sich die Appenzeller von den Zürchern nichts vorschreiben lassen wollen, wenn die Seniorin möglichst lange in den eigenen vier Wänden und nicht in einem Altersheim wohnen will – es geht immer um Selbstbestimmung. Selbstbestimmung ist letztlich also Freiheit.

Die Freiheit, das zu tun, was man selbst will und was man als richtig erachtet. Mit der Freiheit verhält es sich so, wie es der frühere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt formuliert hat: „Freiheit ist nicht alles, aber ohne Freiheit ist alles nichts.“

Doch Selbstbestimmung und Freiheit – so hoch sie als Werte anzustreben sind – stehen nicht für sich allein und können nicht absolut gelten. Ganz im Sinne des Prinzips von Checks and Balances braucht es auch bei Werten Grenzen und Gegenpole – sonst kann Selbstbestimmung in Rücksichtslosigkeit, Egozentrismus und Unverantwortlichkeit münden und damit die Selbstbestimmung und Freiheit von anderen einschränken oder verunmöglichen. Werte sind daher wie eine Medaille; sie haben und brauchen eine Kehrseite. Vollwertig sind sie erst mit zwei Seiten.

Die Kehrseite der Selbstbestimmung ist die Selbstverantwortung. Konkret heisst dies: Für das, was man tut, ist man auch verantwortlich. Mit der Ausübung der eigenen Selbstbestimmung darf nicht die Selbstbestimmung der anderen eingeschränkt werden. Oder auf die Freiheit bezogen: Meine Freiheit endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt. Die Kehrseite der Freiheit ist die Solidarität. Solidarität bedeutet, sich mit den anderen auseinander zu setzen, nicht nur auf sich selbst bezogen und zum eigenen Vorteil zu handeln, gemeinsam Verantwortung wahrzunehmen – und eben auch einmal die eigene Freiheit zugunsten derer einzusetzen, die ihre Freiheit selber nicht wahrnehmen können. Die Genfer Philosophin Jeanne Hersch hat dazu kurz und bündig festgehalten: „Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung.“ Ich würde es so bezeichnen: Selbstbestimmung und Freiheit sind Rechte; Selbstverantwortung und Solidarität sind die dazugehörenden Pflichten.

Wir alle wissen: Jede Theorie ist nur so viel wert , wie sie sich in die Praxis umsetzen lässt. Selbstverständlich dürfen sich diese Werte nicht nur auf Parteiprogramme, Sonntagspredigten und 1. August-Reden beschränken, sondern sie müssen sich im Alltag zeigen und bewähren. Sie müssen gelebt werden. Frei nach Jeanne Hersch geht es nicht darum, das zu tun, was Spass macht, sondern das zu tun, was Sinn macht. Und genau das ist in meinen Augen die Aufgabe von uns Politikern. Es reicht eben nicht, wenn jeder nur für sich schaut.

Gastkommentar Wochenspiegel, Oktober 2016


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