„Mit Integrationspolitik gewinnt man keine Sympathien, besser ist, nicht darüber zu sprechen.“ Diese Aussage eines Politikers ist mir hängen geblieben. Ich habe mich gefragt, ob er Recht hat. Hilft die Behandlung eines kontroversen und emotionalen Themas letztlich denjenigen, die damit bereits Stimmung machen und es als Problem bewirtschaften? Verstärkt sich der teilweise vorhandene Eindruck, dass Integration ein „schwieriges“ Thema sei, wenn wir es proaktiv angehen? Ich bin überzeugt, dass dem nicht so ist und vielmehr das Gegenteil gilt.

Wegschauen, nicht behandeln – ein solches Vorgehen überlässt das Feld den ewigen Kritikern und gibt ihnen Raum für ihre Deutung. Über Integration wird dann nämlich immer nur mit negativer Konnotation geredet: Sie ist anstrengend, sie kostet, sie gelingt nicht immer. Davon, dass sie in Zürich mit dem kantonalen Integrationsprogramm in den letzten Jahren gemeinsam von Kanton und Gemeinden auf praxisorientierte Weise ausgebaut wurde, dass es zahlreiche Erfolgsprojekte von der Frühförderung über Sprachkurse bis zu Arbeitsintegration gibt, dass der Sinn und Nutzen immer breiter anerkannt ist – davon wird dann nicht gesprochen. Und auch nicht davon, dass es wohl nicht ganz zufällig ist, dass wir keine Banlieues und Ghettos haben und stattdessen diverse Bemühungen unternehmen, das Entstehen von Parallelgesellschaften zu verhindern. Wir müssen also über Integrationspolitik reden. Dabei ist wichtig: Integration hat nichts mit verklärter Multi-Kulti-Romantik zu tun, sondern damit, das (erfolgreiche) Funktionieren unserer Gesellschaft sicherzustellen. Es geht um das Zusammenleben der Menschen und die dafür notwendigen Spielregeln. Das ist im Interesse aller – auch derer, die meinen, Integration gehe uns nichts an.

Genauso so klar ist für mich aber auch: Integration ist keine Einbahnstrasse, sondern ein Prozess von Geben und Nehmen. Oder anders ausgedrückt: Fördern und Fordern. Fördern, indem eine Willkommenskultur für diejenigen herrscht, die hier bleiben werden. Fördern, indem der Staat Integrationsmassnahmen durchführt. Fördern, indem der Einstieg in Erwerbsarbeit unterstützt wird. Fordern, indem das rasche Erlernen von Deutsch verlangt wird. Fordern, indem die zur Verfügung gestellten Angebote verbindlich besucht werden müssen. Fordern, indem ein aktives Bemühen um Erwerbsarbeit erwartet wird. Wenn ich von einer Bekannten die Aussage höre „Ich habe mich doch nicht Jahre lang für die Gleichstellung von Mann und Frau engagiert, damit jetzt junge Männer einwandern und dies mit ihrem repressiven Frauenbild wieder in Frage stellen“, dann lautet meine Antwort: Unsere demokratischen Prinzipien und unsere Rechtsordnung gelten für alle. Sie sind nicht verhandelbar. Wer dies nicht akzeptiert, kann nicht hier bleiben.

Mein Fazit: Integration muss differenziert und ohne Scheuklappen behandelt werden. Es braucht keine Beschönigungen, aber auch keine Dramatisierungen. Es braucht Realitätssinn und die Bereitschaft, sowohl das Positive und Erfolgreiche zu sehen und zu würdigen, als auch das Negative und Problematische zu benennen und anzupacken.

Gastkommentar im Wochenspiegel, Mai 2016


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