„Die westlich-liberale Demokratie und Gesellschaftsform ist weltweit auf dem Vormarsch und wird sich mittelfristig durchsetzen, es gibt dazu keine Alternative.“ Dies ist – sehr verkürzt – die Kernaussage des berühmt gewordenen Buches des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama mit dem Titel „The End of History“. Das in den 90er-Jahren verfasste Werk geht davon aus, dass nach dem Ende des Kalten Kriegs der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Herrschafts- und Gesellschaftsformen entschieden ist und quasi das „Ende“ der Geschichte erreicht wird, weil die westlich-liberale Lebensform mit der dazugehörenden Werthaltung dominiert und letztlich weitgehend unbestritten sein wird.

Diese sehr optimistischen Aussagen sind mir beim Aufräumen in den Weihnachtsferien in die Hände gefallen. Gleichzeitig ist mir beim Lesen der verschiedenen Neujahrskarten, die ich erhalten habe, aufgefallen, dass viel stärker als in den Vorjahren der Wunsch nach Frieden und Beendigung der zahlreichen Konflikte erwähnt wird – auch bei uns in der wohlhabenden und sicheren Schweiz.

Dieser Gegensatz zwischen der Annahme von Fukuyama und der Wirklichkeit einige Jahre später ist eklatant. Abstrakt zeigt sich daran, dass die Geschichte doch nie still steht und der Ausgang offen ist. Es gibt keinen geschichtlichen Fatalismus – die Geschichte wird von uns handelnden Menschen „gemacht“. Konkret zeigt sich daran, dass viele Menschen verunsichert sind, was die weitere Entwicklung anbelangt. Unsere westlich-liberale Gesellschaftsordnung scheint plötzlich nicht mehr so gesichert und so unbestritten zu sein wie dies viele lange geglaubt haben. Die Terroranschläge, die Flüchtlingsströme und die wirtschaftliche Krisen hinterlassen Spuren. Die Verletzlichkeit unserer offenen Gesellschaft wird uns vor Augen geführt. Unser Verständnis von Freiheit, Toleranz, Individualisierung, Solidarität und Menschenrechten ist keineswegs universell anerkannt und gültig. Ehrlicherweise müssen wir feststellen, dass es dies noch nie war, aber gefühlt ist es jetzt offensichtlich bei vielen Menschen – auch linken und weltoffenen – stärker in Frage gestellt als bisher. Und das nicht nur irgendwo weit weg, sondern vor der eigenen Haustüre.

Als Linke hört unser Horizont nicht an den Landesgrenzen auf. Wir verstehen uns als internationale Bewegung, die mitgestalten und Verantwortung übernehmen will. Umso mehr müssen wir uns jetzt in die laufenden Diskussionen einmischen, die Verunsicherung ernst nehmen und Haltung zeigen: Nichts beschönigen, aber auch nicht dramatisieren. Für Offenheit und Vielfalt werben. Gegen Abschottung und Schwarzmalerei eintreten. Aber auch: Für unsere Wertordnung und unser liberales Gesellschaftsmodell einstehen und gegenüber Fundis und Hardlinern aller Art klarmachen, dass es dabei keine Kompromisse und keine Abstriche geben kann. Denn die gesellschaftsliberale Lebensform gepaart mit einer modernen Demokratie war und ist auch ein linkes Gesellschafts- und Staatsmodell.

Kolumne im P.S., Januar 2016

 


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